Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennen lernen
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Über das Wetter reden, also über irgendetwas. Verstanden werden, und sei es von einem, der gar nicht meine Sprache spricht. Peter Bichsels Kolumnen kommen mit jedem ins Gespräch, denn seine hohe Kunst des Erzählens beschäftigt sich mit allem Möglichen: Jahreszeit und Wetter, Sport- und politischen Ereignissen – immer aber mit Menschen, mit Geschichten von Fremden und Freunden. Der Erzähler meint und meldet Zweifel an, auch an der eigenen Meinung. Er zielt auf eine Aussage, indem er abkommt vom Weg, hinübergleitet zu einem anderen Gegenstand, abbricht, um in einer Schlussvolte doch wieder anzuknüpfen. Dauernd sind sie in Bewegung, seine Kolumnen, das hält uns wach; wir reagieren angeregt; wir fühlen uns gut unterhalten.
Es gibt unwichtige Geschichten, die kann man gut erzählen, und es gibt wichtige Geschichten, von denen man nicht mal weiß, warum sie wichtig sind.
Vom Warten ist in Peter Bichsels Kolumnen immer mal wieder die Rede. Es gibt mancherlei Arten und viele Geschichten dazu, Minutennovellen, Fabeln, Anekdoten. Heute ist es Johnson, der nicht kommt, dessen Platz in der Kneipe, eher zufällig, frei bleibt und an ihn erinnert. Dabei wartet der Erzähler nicht eigentlich auf ihn, Johnson, eher ist es ein Warten an sich – das ihn an einen anderen erinnert, Rolf, auf den er schon lange wartet, ein Gestorbener, der ihm einmal einen wartenden Spatz auf dem Dachfirst gegenüber zeigte und später eine Fabel fast wie von La Fontaine dazu erzählte, die der Schreibende erst nachträglich begreift. „Ob Vögel das Warten kennen? Ob Menschen das Warten können? Johnson kommt heute wohl nicht. Es ist Mittwoch, am Mittwoch kommt er selten. Aber auf Rolf warte ich oft, auch wenn ich weiß, daß er nicht mehr kommt.“ Erneut läßt sich verfolgen, wie erfindungsreich und überraschend der Erzähler jedesmal neu zu einer Kolumne ansetzt, wie er, nicht selten antäuschend und hakenschlagend, zum um so größeren Vergnügen des Lesers ein Ende, Ende auch diesmal, ansteuert und erreicht.
Das Motto des streitbaren Intellektuellen Peter Bichsel, der auch als solcher immer ein Poet bleibt, könnte der Schlußsatz des Titelessays sein: »Eine Demokratie ohne Diskussion wäre museal. Der innere Feind der Schweiz heißt pervertierter Bürgersinn. Die Igelstellung –eingerollt und die Stacheln nach außen – ist zum Sinnbild unserer Unabhängigkeit geworden. Aber auch ein Igel muß sich zur Nahrungsaufnahme entrollen.«
Geschichten für die kalte Jahreszeit
Die Herausgeberin, die Peter Bichsel und Peter Bichsels Kolumnen und Geschichten seit vielen Jahren kennt, liebt und verehrt, hat aus des Autors Werk eine Reihe erhellender Geschichten für die dunklere Jahreszeit für den Dezember, für Weihnachten und Silvester – und für die Zeit danach.
Kolumnen 2000–2002
Peter Bichsel bildet nicht die Welt ab, wie sie angeblich ist, sagt Peter von Matt, sondern er hat gelernt, auf die Stimmen der Welt zu hören, sie aufzufangen und mit ihnen zu arbeiten, sie zu verbinden und zu fügen, spielerisch und doch in strenger Komposition. Nirgendwo lassen sich jene Stimmen der Welt besser, deutlicher vernehmen als in jenen so eigensinnigen Geschichten, die Peter Bichsel Kolumnen nennt: Beobachtungen von unterwegs. Da begegnen wir dem eigenartigen Egon, der nur in Andeutungen und Abkürzungen spricht, werden Zeugen eines Wutausbruchs von Paul, eines sonst eher gemütlichen Menschen, sitzen als Fremde in einer Bar in Brisbane, besuchen die Bahnhofswinterschule, treffen eine alles andere als naive Erstkläßlerin, denken an die mißlingenden Weihnachtsfeste, den kranken Freund und hören den heutigen Jungen zu, die später erzählen werden, daß früher alles anders und besser war. Aber was wären wir, wenn sich nicht alles verändert hätte? fragt Peter Bichsel. Wir wären nichts, hätten nichts, hätten nichts erlebt und nichts zu erzählen. schovat popis
Jaa. Schooon. Sagt Peter Bichsel, wenn man ihn fragt: Wie geht es dir?! Fragt man ihn: Was machst du an Weihnachten, ist die Antwort: Jaaa. Weihnachten. Jaja. Beides im Grunde völlig überflüssige Fragen. Seine sehr bedächtig gesprochenen, einfachen Antworten wiederum erzählen eine ganze Geschichte. Mal sind es drei Zeilen, manchmal reicht ein einziges Wort, und es entsteht die ganz eigene, detailgenaue Bichsel-Welt. Wer sich Zeit nimmt und den Worten nachlauscht, der wird von Peter Bichsel reich beschenkt. Und dieses Mal sind es wunderbare Geschichten zum Dezember – und die Zeit danach.
Robert Walser (1878-1956) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Sein Werk wird nun durch eine kritische Neuausgabe gesichert, die den Standards der Editionswissenschaft entspricht. Die gefährdeten Handschriften im Walser-Archiv bewahren unersetzliches literarisches Kulturgut. Die Kritische Robert Walser-Ausgabe (KWA) dokumentiert mit den ersten beiden Bänden den Erstdruck und die Faksimile-Edition des unpublizierten Manuskripts von „Geschwister Tanner“, Walsers Debütroman. KWA IV/1 bringt die faksimilierte Handschrift mit diplomatischer Umschrift, die als früheste erhaltene Druckvorlage gilt und vermutlich die erste Niederschrift des Romans darstellt. Christian Morgenstern, damals Lektor, äußerte sich positiv über das Manuskript, wobei er auch auf einige Ungeduld im zweiten Teil hinwies. Das stark bearbeitete Manuskript bietet neue Einblicke in Walsers schriftstellerische Anfänge und die Einflüsse von Bruno Cassirer und Morgenstern. Ein vollständiges Variantenverzeichnis dokumentiert die Textveränderungen bis zum Erstdruck. Die Edition des Erstdrucks (KWA I/2) enthält philologische Annotationen zur Textdifferenz und ein Nachwort zur frühen Rezeption. Eine beigelegte CD-ROM bietet die elektronische Version der Edition sowie Dokumente und farbige Handschriftenfaksimiles. Zudem enthält sie das erste „Findbuch“, das alle Texte Walsers nach Archivstandorten und Erstdruckorten identifizie
Kolumnen 1990–1994
Ob er vom Elend der Fußballprofis spricht oder von einer merkwürdigen Reise mit der Eisenbahn durch Ägypten, ob er über das Leben in New York plaudert oder von einem alten Briefträger berichtet, der seine Briefe wie eine persönliche Gunst austrug: Peter Bichsel erzählt seine Geschichten aus dem Alltag ohne große Moral, aber mit einer kleinen, meist gut versteckten Lehre. Er will nichts erklären, keinen Sachverhalt bis ins letzte Detail ausleuchten, nein, ihm geht es nur ums Erzählen. In seinen Kolumnen - entstanden zwischen 1990 und 1994 -, die hier versammelt sind, berichtet Bichsel nicht vom raschen Hin und Her des Zeitgeistes, sondern von Menschen, die ihm begegnen und deshalb wichtig und ernst genommen werden müssen. Der Leser fühlt sich an die Hand genommen, ja, es kann der Eindruck entstehen, diese Sätze seien einzig für ihn geschrieben.
»Während ich Geschichten erzähle, beschäftige ich mich nicht mit der Wahrheit, sondern mit den Möglichkeiten der Wahrheit. Solange es noch Geschichten gibt, so lange gibt es noch Möglichkeiten. Deshalb basiert die Frage an den Geschichtenerzähler, ob seine Geschichte wahr sei, auf zwei Irrtümern. Der erste Irrtum: es gibt keine Geschichte, die nicht Wahrheit enthalten würde, und es gibt im Prinzip keine Erfindungen. Die menschliche Fantasie ist begrenzt durch all das, was es gibt. In der Technik nennt man das Naturgesetze; für den Geschichtenerzähler mag ich es nicht benennen. Der zweite Irrtum: Sprache kann nie wiedergeben, was eigentlich ist, sie kann Realität nur beschreiben.« Peter Bichsels fünf Vorlesungen aus dem Jahr 1982 sind eigentlich keine Vorlesungen, sondern Geschichten von Vorlesungen. Sie sind wohltuend unprätentiös und stets äußerst subtil – wie seine Geschichten. Gleichzeitig scheinen sie nur aus Abschweifungen zu bestehen, aus kleinen Geschichten, sehr amüsant und zugleich doch ernsthafte Geschichten über Literatur und über Leser. Vor allem über Leser, die Peter Bichsel liebt, egal, was sie lesen.
Sieben Geschichten für große und kleine Kinder, für Leser, die nicht aufgehört haben zu fragen, was wäre, wenn. Sieben Geschichten, in denen sonderbare Käuze, scheiternde, lächerliche Rebellen, Nachfahren des Ritters von der traurigen Gestalt es wagen, der Unabänderlichkeit des Bestehenden Schwierigkeiten zu machen. Da ist ein Mann, der weiß, aber nicht glaubt, daß die Erde rund ist; da ist einer, der allen Dingen neue Namen gibt, so daß er von den anderen nicht mehr verstanden wird. Einer, der behauptet, Amerika gibt es gar nicht; oder da ist der Erfinder, der lauter Sachen erfindet, die es schon gibt. Da ist der Mann, der den ganzen Fahrplan auswendig weiß, ohne je gereist zu sein, und der, als er sieht, daß man am Schalter ebensoviel weiß, anfängt, alle Treppenstufen der Welt zu zählen, um etwas zu wissen, was niemand sonst weiß.
Bichsels Meditation zu Mozarts Credo-Messe kreist um die Themen Erfolg und Erfolglosigkeit, Fleiß und Unbrauchbarkeit, Karriere und Bescheidenheit. Die Christen glauben an einen, der in dieser Welt erfolglos war; ihr Gott hat keine Karriere gemacht, er ist nicht der Oberste einer Hierarchie. Angefügt ist Peter Bichels »Predigt für die anderen. Eine Rede für Fernsehprediger«. Ein Text gegen das Fernsehen, in jeden Fall gegen Routine und Zerstreuung.
Geschichten für jeden Tag
»Darf ich mich langweilen – angesichts des Weltgeschehens?«, fragt Peter Bichsel einmal, fast provozierend. Was der Autor in dieser neuen Auswahl kurzer Geschichten und Betrachtungen der Langeweile (in den verschiedensten Gestalten und bei ganz unterschiedlicher Beleuchtung) abgewinnt, macht nachdenklich und ist alles andere als langweilig, nämlich erstaunlich, auch amüsant – und stets ermutigend. »Die etwas schwerfällige, aber wunderbare Langeweile hat eine lustige, schöne, aber böse Schwester«, schreibt er, »sie heißt Kurzweil. Sie versaut und verkürzt uns das Leben, denn jene leere Ecke in meinem Hirn, in der die Langeweile sich gemütlich breitmachen möchte … immer wieder ist sie besetzt von der schönen, bösen Schwester Kurzweil. ›Ich bin kein Dichter‹, hat der Dichter Paul Valéry gesagt, ›ich langweile mich nur.‹«
»Da steigt also einer in den Zug. Er heißt Müller, ein einfacher Name, aber auch den kann man so betonen, daß man nicht einfach irgendein Müller ist, sondern eben Müller.« Ist es denn nötig, daß ich mit diesem Herrn Müller mitfahre, fragt sich Peter Bichsel, und schon sind wir Leser dabei im Zug und mit dem Autor im vollen Abteil, zweite Klasse, Raucher, beobachten, notieren, denken mit ihm nach, sehen den Reisenden zu und steigen so rasch nicht mehr aus, denn das Fahren im Zug ist für Peter Bichsel etwas wirklich Wichtiges. Hier entstehen viele seiner Geschichten, Entwürfe für Kolumnen, Einmischungen, Zwischenrufe, und ganz wie nebenbei präzisiert er seine Philosophie des Reisens mit dem Zug: »Die Kunst des Eisenbahnfahrens ist die Kunst des Wartens, und darin liegt der eigentliche Zeitgewinn, daß man Zürich nicht zu erreichen hat, sondern zu erwarten.« In Eisenbahnfahren sind einige der schönsten Geschichten Peter Bichsels von unterwegs versammelt.
Es geht um ein Haus, ein gewöhnliches Wohnhaus, und um die Menschen und Gegenstände darin. Der Autor nimmt das Inventar auf, und er erfindet eine Figur. Sie heißt Kieninger. Kieninger mietet in dem Haus ein Zimmer. Er wird immer wieder in die Geschichten des Hauses eingewoben, an ihm werden die Fakten und Ereignisse ausprobiert.
Sich Gedanken machen: Das ist, obwohl Gedanken allerorten immer billiger zu haben sind, für Peter Bichsel ein vertrackt ernsthaftes Unternehmen. Deshalb steckt in vielen seiner Sätze schon der erste Satz für eine Geschichte. In der Regel sind es "wahre" Geschichten. Oft sind sie zornig, traurig, auf böse Art komisch: Das liegt an den Erfahrungen, von denen sie handeln.
Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen ist die heute als klassisch geltende Sammlung von Lesestücken, mit der dem Autor etwas für seine und unsere Zeit Einmaliges gelungen ist: auf lakonische, fast emotionslose, genau beobachtende und dabei dennoch anrührende Weise alltägliche Begebenheiten aufzuzeichnen und ihnen Geschichten zu »entnehmen«, von denen jede die Welthaftigkeit und Tiefe eines Epos besitzt.
Geschichten
Der da sitzt in seinem Haus. Beginnen. Eine Frau. Überleben. Kehba. Die Putzmacherin. Liebe. Tragen. Die Kunst des Anstreichens. Gerechtigkeit. Lesebuchgeschichte. Charakter. Eine lange Geschichte. Vor dem Krieg. Die Kleider der Witwen. Einer aus Tausendundeiner Nacht. Sehnsucht. Wie ein Roman entsteht. Die Helden. Das wußte ich nicht. Eitelkeit. Profession. Und schon nur die Wahrheit. Im Spiegel. An Herrn K. Geordnete Verhältnisse. Rosen. Hinterher. Die Geschichte von Erwin. Zeit. Eine Postkarte aus den Pyrenäen an Ernest Hemingway. 24. Dezember. Nichts Besonderes. Hoffnung. Hugo. Abwesenheit. Erinnerung. Das Positive. Die Familie. Das gute Ende. Der Geiger Karl Zingg. Immer wieder Weisshaupt. Der Erzähler. Abenteuer. Wie Erwachsene. Erfahrung. Sorglosigkeit.
Die Erzählungen dieses Bandes ergeben, »in acht Variationen, lange Liebes- und Leidensgeschichte des Erzählens: welche Kraft ihm eignet und an welche Grenzen es stößt, wie es seine Gegenstände dem Leben, aber zugleich dem Sog seiner Endlichkeit entzieht«. Heinz F. Schafroth
Bichsel und Religion? Hat er, der bekennende Sozialist, denn etwas mit ihr zu tun? Er hat: Über Jahrzehnte hinweg äußerte er sich immer wieder zu religiösen Themen. In Essays und Erzählungen, aber auch in Laienpredigten zeigt er sich als wacher Beobachter, der beides zu verbinden weiß: ein existentielles Interesse an Religion und einen klaren Blick für ihre problematischen Begleiterscheinungen. Neben engagierten Plädoyers zum Verhältnis von Religion und Gesellschaft finden sich immer wieder auch Hinweise auf die religiöse Dimension der fundamentalen kulturellen Praktiken des Lesens und Erzählens. Dank bislang verstreut oder noch gar nicht publizierter Texte bietet der Band erstmals Einblick in eine facettenreiche Auseinandersetzung, in der Gott konsequent von der Welt aus in den Blick genommen wird.
Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein Mann, der täglich einen Stein auf einen Berg trägt, was zu einer tiefen Reflexion über Routine und Beständigkeit führt. Trotz der Ablenkungen durch familiäre Besuche und das Aufkommen neuer Lebensumstände bleibt er seiner täglichen Aufgabe treu. Die Zahl 365 symbolisiert nicht nur die Tage des Jahres, sondern auch den unaufhörlichen Kampf gegen Zufälligkeiten und das Streben nach einer eigenen, unveränderlichen Biographie. Die Beziehung zu seiner Familie wird dabei zum Kontrast seiner inneren Disziplin.
Erzählt wird nicht, wie in der Zeit üblich, ein kleiner Lebensausschnitt, sondern die Lebensgeschichte des friedfertig-zufrieden dahinlebenden Landschulmeisters und Pfarrers. Ein liebenswerter Narr, der nach glücklicher Kindheit und guter Ehe im Alter vom »blassen Leichenschleier« umhüllt wird.
Eine Art Idylle - Mit einem Nachwort von Peter Bichsel
Eine transsibirische Geschichte
Brief an eine Lehrerin
Experimentální próza švýcarského spisovatele (nar. 1935) se soustřeďuje na popis jevů běžné denní skutečnosti - na tříšť postřehů, nápadů či začínajících dějů - točících se kolem dění jednoho domu, také jedné ulice ve městě, apřitom jsou tyto jevy uváděny v souvislosti s určitou osobou, potenciálním "hrdinou". Kniha se podle uváděné charakteristiky hlásí k těm tendencím v současné litetuře, jež se obracejí proti všem sociologickým, existenciálním,moralizujícím výkladům literatury.
Geschichten
Zwar wohnen wir in Olten oder in New York, in München oder Helsinki, aber ist hier auch unsere Heimat? Und was bedeutet uns »Heimat«? Hängt das Gefühl, beheimatet zu sein, nicht einfach nur von Menschen und, vor allem, von Sprache und Geschichten ab, in denen wir uns erkennen – Erwin zum Beispiel oder André oder der Milchmann, der morgens um vier die Milch bringt? Peter Bichsel, der einmal Lehrer war und dann Schriftsteller geworden ist, denkt heute in Solothurn darüber nach, warum es die Menschen immer wieder regelmäßig aus ihrem Ort und ihrer Gegend treibt, in den Urlaub zum Beispiel. Es ist doch eigenartig, sagt er, »daß wir als Reiseziel jene Gegenden auswählen, wo sich die Einheimischen das Reisen nicht leisten können. Weil hier niemand mehr wohnt, gehen wir in Gegenden, wo die Leute noch wohnen.« Und es ist doch nahezu absurd, daß »wir hier unser Geld verdienen, mit dem wir uns anderswo zu realisieren versuchen«. In seinen in diesem Band versammelten Geschichten sieht sich Peter Bichsel immer wieder vor die Frage gestellt: »Wo wohnen wir?«
Die erste der in vier Jahrzehnten zu einer Institution sui generis gewordenen P.S.-Kolumnen Peter Bichsels erschien 1975 im Zürcher Tages-Anzeiger. Doch bereits in den 1960er Jahren schrieb der Autor eine Fülle journalistischer Beiträge und Kolumnen zu Fragen der Zeit, die seine frühen Erfolge als literarischer Erzähler begleiteten. Beat Mazenauer hat sie in diesem Band versammelt – und einige erzählerische Erkundungen aus dieser Zeit dazugestellt. Peter Bichsel hat über die Jahre seine eigene Dialektik des Erkennens entwickelt. Sie gibt dem Widersprüchlichen Raum, und in der fortlaufenden Bewegung der Gedanken behält sie stets auch deren Scheitern im Auge. Bichsel, der fragt und infragestellt, ist, sagt Beat Mazenauer, ein Meister des Verzögerns »endgültiger« Antworten.
Ich merke, wie ich immer erst eine Geschichte erzähle, bevor ich Ihre Frage beantworte.« Peter Bichsel ist ein geborener Erzähler. Und das zeigt er auch im Gespräch mit Sieglinde Geisel: »Ihm fällt immer noch etwas ein, womit ich nicht rechne – der Idealfall von Gespräch.« Seit über fünfzig Jahren gilt Bichsel als Meister der literarischen Kurzprosa, fast vierzig Jahre lang hat er die Welt, die Menschen, die Schweiz und die Politik in seinen Zeitungskolumnen betrachtet. Er war Grundschullehrer und Redenschreiber. Querdenker, Raucher und Rotweintrinker ist er noch immer. Über seine Kindergeschichten sagte sein Freund Max Frisch: »Nicht bestrickt zu sein, war unmöglich.« Mehrere Tage lang saßen Peter Bichsel und Sieglinde Geisel zusammen, in Bichsels Arbeitszimmer in Solothurn, in seiner Stammkneipe – und sprachen über alles: über die Vorteile der Mundart für das Schreiben, über Sozialismus und Solidarität, warum er auf die einsame Insel kein Buch mitnehmen würde, warum er an Gott glaubt, wohl wissend, dass es ihn nicht gibt, über die Langeweile im Paradies und die Unmöglichkeit, ohne Geschichten zu leben.
Der Unabänderlichkeit des Bestehenden Schwierigkeiten machen, nach dieser Maxime handeln Bichsels Protagonisten in seinen Geschichten, ebenso wie der vortragende Schriftsteller in seinen Reden und Aufsätzen.
»Freunde haben wir zwar, und befreundet sind wir auch. Aber ›mein Freund‹, das hat ja fast etwas Kindisches.« Nicht über Freunde, nicht über Freundschaft schreibe er, sagt Peter Bichsel, »nur« über Menschen. Aber steckt nicht in der unnachahmlichen Zugewandtheit und Freundlichkeit, mit der er seine Begegnungen beschreibt, immer sowieso auch ein Freundschaftsangebot? In diesem Sinne sind diese Geschichten zusammengestellt. Es soll um Freundschaft gehen. Jeden Tag, jeden Monat. Peter Bichsel schreibt seine Geschichten, »Kolumnen«, wie er sie nennt, seit vielen Jahren monatlich für die »Schweizer Illustrierte«. Eine freundliche Auswahl ist in diesem Buch versammelt.
German
von und über Manfred Schwarz, Hörspielautor, Dramatiker, Journalist: mit den Dramen "Eine Handvoll Menschen", "Der Mann des Möglichen", dem Hörspiel "Wer schrie Kreuzige ihn?" ...
Die Macht der Worte. Autoren, Autorinnen und ein Künstler setzen sich mit dem Thema Macht auseinander. Zielgruppe: Kunstinteressierte, politisch und philosophisch Interessierte.
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